Verlassene und langsam zerfallende Gebäude üben auf viele Menschen einen großen Reiz aus, und innerhalb der Fotografie hat sich daraus mittlerweile sogar ein eigenes Genre entwickelt, das gemeinhin als „Lost Places“ bezeichnet wird.

 

Richtig spannend wird es bei ganzen Gebäudeensembles oder Geistersiedlungen. Die alte Sprengstofffabrik im Sterbecker Tal zwischen Lüdenscheid und Hagen, die im Lünsch-Mord eine so wichtige Rolle spielt, fasziniert aber nicht nur wegen ihrer beeindruckenden Dimensionen, vor allem die Lage macht diese Ruinenstadt so geheimnisvoll. Einsam in einem engen Tal gelegen, steht hier Gebäude an Gebäude, und nochmal mehrere hundert Meter entfernt findet man (wenn man sie denn findet) mitten im Wald die Überreste des Teils der Produktionsstätte, in dem früher das hochexplosive Dynamit hergestellt wurde.   

Die abgeschiedene Lage der Geisterfabriken ist eben jenen hochexplosiven Stoffen geschuldet, die hier entstanden. Anfang des 20. Jahrhunderts musste sich die Castroper Sprengstoff AG einen neuen Standort suchen, weil die bestehende Produktion im Ruhrgebiet nach neuen gesetzlichen Bestimmungen zu nah an den umliegenden Häusern lag. Das Sterbecketal im Sauerland bot beste Voraussetzungen für die neue Fertigungsstätte: Die Grundstückspreise waren günstig, die Abstände zu den nächsten Dörfern und Siedlungen groß, und der durch das Tal fließende Bach ließ die Nutzung von Wasserkraft zu.

 

Anfangs wurden hier Sprengstoffe für zivile Zwecke hergestellt, vor allem für den Bergbau sowie für den Bau von Schienen- und Straßentrassen. Nach Ausbruch des ersten Weltkriegs produzierte man dann Granaten und Wurfminen, und die Fabrik war Teil des deutschen Kriegsapparates. Arbeiteten in Friedenzeiten etwa 100 Menschen im Sterbecketal, so waren es nun fast 2000.    

Als die Waffen endlich schwiegen, verlor auch die Sprengstofffabrik schlagartig an Bedeutung. In den 1920-er Jahren ging der Absatz immer weiter zurück, so dass die Unternehmensleitung versuchte, die Ausfälle durch die Herstellung und den Vertrieb anderer Produkte zu kompensieren. Man spezialisierte sich auf Schreibmaschinen-Farbbänder, Tinte und Klebstoff. Schließlich konnte auch damit das Unternehmen nicht gerettet werden, und am Ende der Weltwirtschaftskrise – im Jahr 1932 – wurde das Werk geschlossen.    

Doch es kam noch ein weiteres Mal zu einer – nun wieder unrühmlichen – Nutzung des Fabrikkomplexes. 1944 wurde dort ein Arbeitslager für 400 osteuropäische Zwangsarbeiter eingerichtet. Mehrere Unternehmen aus dem nahe gelegenen Hagen richteten hier Außenstellen ein. Einerseits befürchteten die Verantwortlichen wohl bereits die Bombardierung ihrer Stammwerke, andererseits gingen sie offenbar davon aus, dass „der Feind“ – hier auf das Gefangenenlager – keine Bomben abwerfen würde. In der Tat gab es – ganz im Gegensatz zum Hagener Stadtgebiet – keinen einzigen Angriff im Sterbecketal zu verzeichnen.    

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurden, und werden auch noch heute, immer mal wieder einzelne Gebäude für gewerbliche oder private Zwecke genutzt. Der größte Teil aber verfällt nach und nach und macht die ehemalige Sprengstofffabrik zu einem faszinierenden (Fast)-Lost-Place.